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Die indische Wirtschaft boomt. Doch in vielen Regionen kommt der Aufschwung nicht an. In Westbengalen und Orissa bekämpft der Lutherische Weltdienst Indien Armut und Hunger durch ein umfassendes ländliches Entwicklungsprogramm. In dessen Mittelpunkt steht Bildung.
Auf diese beiden Stunden hat sich Bandana Dalai den ganzen Tag gefreut. Kerzengerade sitzt die 13-Jährige auf dem Boden, die großen Augen weit aufgerissen. Vor einer Tafel steht Kursleiterin Punam Hembran und notiert eine lange Reihe von Zahlen. Nur eine einzige Glühbirne beleuchtet das Open-Air-Klassenzimmer unter dem Vordach eines kleinen Wohnhauses.
Trotz der widrigen Umstände geht Bandana Dalai jeden Abend gern in den Kurs, der Schulabbrechern den Weg zurück ins staatliche Bildungssystem ebnen soll. „Ich möchte unbedingt wieder zur Schule gehen“, sagt sie. Denn nach der vierten Klasse verbot der Vater ihr den Besuch einer weiterführenden Schule. Der hätte umgerechnet zehn Euro Büchergeld pro Jahr gekostet, zuzüglich der Kosten für Schuluniform und -gebühr. Viel Geld für den Tagelöhner.
Im Schatten des Wirtschaftsbooms
Die Kurse für Schulabbrecher sind Teil eines von „Brot für die Welt“ unterstützten Programms des Lutherischen Weltdienstes Indien (LWSI) zur ländlichen Entwicklung in Orissa und Westbengalen. Über 80 Prozent der Bevölkerung dieser beiden Bundesstaaten leben auf dem Land, die Analphabetenrate liegt weit über dem indischen Durchschnitt. In Orissa können gerade einmal 30 Prozent der Frauen lesen und schreiben. Vom Wirtschaftsboom bekommen die Menschen in den Dörfern Ostindiens nur die Schattenseiten mit: Für den Abbau von Erzen und Kohle sowie die Ansiedlung verarbeitender Großindustrie werden viele Bewohner von ihrem Land verdrängt.
Bildung als Basis
Wer lesen und schreiben kann, versteht die Gebrauchsanweisung für Saatgut und Dünger, unterschreibt keine betrügerischen Verträge von Geldverleihern und kann ein Konto eröffnen. Vor allem aber kann er sich über seine Rechte informieren – und sie einfordern. Deswegen sitzt Bandana Dalai jeden Abend auf ihrem ausrangierten Reissack und schreibt Zahlenkolonnen von der Tafel ab. Wenn die 13-Jährige so weitermacht, wird sie später nicht als Tagelöhnerin arbeiten müssen. Und sie wird ihren Kindern eine bessere Zukunft ermöglichen können.