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19.08.2010

Erinnerungen eines Spenders

Den Machthabern auf beiden Seiten der politischen und kriegerischen Fronten in Pakistan wird in diesem Spätsommer 2010 vieles auf ihre Schuldkonten geschrieben, lauter Tatsachen: Korruption im Weltklasse-Format; hemmungslose Gewalt gegenüber unliebsamen Landsleuten; Missbrauch der Religion, um Menschen zu fanatisieren; Jahrzehnte lange Missachtung der elementaren Bedürfnisse des armen Volkes bei gleichzeitiger Finanzierung der Atombombe. Und deshalb, so sagt ein vielstimmiger Chor von Beobachtern, sei es nur ein schmales Rinnsal der Barmherzigkeit, mit dem die Menschen in Europa und in Deutschland auf die wochenlangen Fernsehbilder von der beispiellosen Indus-Flut reagieren. Aber auch die erste eher symbolische Hilfszusage aus Berlin glich mehr dem Porto auf einer Beileidskarte von Regierung zu Regierung.

Was soll ich meiner Nachbarin antworten, die mich gestern Abend gefragt hat: Spenden oder nicht? Ich war schon dabei, ihr auseinander zu legen, was ich so weiß von den Partnern der Aktion „Brot für die Welt“ und der Diakonie Katastrophenhilfe in Pakistan, ihrer Kompetenz und Verwurzelung im Land - nicht erst seit heute, von den leistungsfähigen weltweiten Netzwerken, die zunehmend die Nothilfe der christlichen Kirchen kennzeichnen. Kurzum, eine Menge Vertrauen bildender Tatsachen.

Aber dann kam mir doch zuerst meine Kindheit in Erinnerung, im zerbombten Ruhrgebiet. Der Alltag der abgezählten Brotscheiben. Und dann die verbeulte Weißblechtasse, die an meinem Schulranzen hing. Drinnen lag der Löffel. Den brauchte ich, um in der großen Pause den täglichen kakaohaltigen Brei auszulöffeln, die sog. Schulspeisung. Spender waren, wie ich heute weiß, christliche Gemeinden in den USA und in England.

Keine 18 Monate, bevor meine Schulspeisung begann, haben die Soldaten dieser Länder ein KZ nach dem anderen befreien müssen. Ihre Bilder gingen um die Welt und sind bis heute nicht erledigte Geschichte. Was sind dagegen alle Gewalttaten und Blindheiten, die wir heute Herrschenden in Pakistan und anderswo vorhalten müssen? Die Christen, die uns, die Brut der Nazis, nicht verhungern ließen, sie hätten jeden denkbaren Grund gehabt, uns links liegen zu lassen. Sie haben es nicht getan, weil ihr Glaube, ihr Bild von Menschlichkeit es ihnen verbot.

Noch leben mit mir Millionen Landsleute, die diese Erfahrung teilen. Vielleicht haben sie es nur vergessen und nicht in der Familie weiter erzählt.

von Harald Rohr

 

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