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Nach der Tagesschau verlegen wir uns auf den Balkon. Im Hitzejuli 2010 ist das nach 20 Uhr genau der richtige Ort. Nachbar Karl greift hinter sich in die Kühltasche und teilt jedem von uns seine Flasche Pils zu, angenehm kühl schon in der Handfläche. „Die bei der UNO beschließen auch jeden Quatsch“, höre ich Karl sagen. „Recht auf sauberes Trinkwasser. Ne, da zisch ich mir lieber eins.“ Die Fünferrunde grinst. Karl ist und bleibt eben ein Spaßvogel. Eben haben wir es alle gehört: Die UNO in New York hat ein Menschenrecht auf sauberes Trinkwasser verkündet. Und die Nachrichtenfrau verliest dazu irgendwelche Zahlen von Menschen, denen das angeblich fehlt. Wir lassen den Flaschenöffner kreisen und stoßen zünftig an mit unseren Flaschen. UNO und Trinkwasser sind abgehakt.
„Also, so verkehrt finde ich das nicht“, sagt die einzige Frau in die Runde. Die Frau unseres Ortsvorstehers war etliche Jahre Entwicklungshelferin auf einer großen Insel irgendwo im Pazifik. Die Lehrerin redet nicht viel darüber. Aber Karls Bier-statt-Wasser-Gag macht sie gesprächig. „Unsere Frauen“ - sie sagt „unsere“ - „haben immer wieder kleine Kinder begraben. Die sind an schweren Durchfällen gestorben. Und in der Stadt was das noch schlimmer. Jeder Mensch muss trinken. Aber wenn du nur Dreckbrühe hast, was dann? Wir stellen uns doch schon im Hotel in Tunesien an.“
Karl ist fair genug, die leise Kritik an seinem Gag hinzunehmen. Julia weiß ja offensichtlich, wovon sie redet. Schließlich war sie einmal zu Hause in einer von offenbar vielen Ecken der Welt, wo du nicht einfach den Wasserhahn aufdrehst und alles ist okay. Julia erzählt, dass sie sich damals weder vor Schlangen noch vor Menschen gefürchtet hat – wohl aber vor Trinkwasser ungewisser Herkunft.
Einfach abkochen? Julia beantwortet den naheliegenden Tipp selbst, bevor jemand danach fragen kann: „Habt ihr ´ne Ahnung, wie knapp das Brennholz bei unseren Frauen war.“ Na, und dann sagt Julia noch einiges recht persönlich zum Thema Toilette und Abwasser. Auch das kam ja in der UNO-Nachricht vor. Was da stehenbleibt in den Armenvierteln der Erde, stinkt nicht nur gewaltig. Es ist ein Kinderkiller sondergleichen. Vier von zehn Mitmenschen leiden darunter.
Aber wieso Menschenrecht? Was soll das Wort? „Mit dem Argument haben unsere Leute der Behörde Beine gemacht. An Menschenrechten führt eben kein Weg vorbei.“ Meint Julia und greift nach ihrer Flasche.
von Harald Rohr